Ich bin am 28.09.2026 aus der Ratssitzung gegangen und habe mich ernsthaft gefragt, was eigentlich mit unserem Verhältnis zu unserem eigenen Land passiert ist.
Unser Antrag war denkbar einfach: Vor dem Bergheimer Rathaus sollten dauerhaft drei Flaggen wehen – die Flagge unserer Stadt, die Flagge Nordrhein-Westfalens und Schwarz-Rot-Gold.
Nicht mehr.
Die Verwaltung hatte zuvor sogar ausdrücklich bestätigt: Das ist rechtlich möglich. Die gesetzlichen Regelungen stehen einer dauerhaften Beflaggung nicht entgegen.
Und trotzdem wurde daraus im Rat eine Debatte, die mich fassungslos zurückgelassen hat.
Von der FDP kam sinngemäß das Argument, noch kein Ratsmitglied sei von einem Bürger darauf angesprochen worden, dass er diese Beflaggung wünsche.
Seit wann muss ein Bürger eigentlich erst darum bitten, dass vor seinem Rathaus die Flagge seiner Stadt, seines Bundeslandes und seines Landes weht?
Von den Grünen wurde unser Antrag als Ausdruck eines „identitären“ Politikverständnisses der AfD eingeordnet.
Und weil wir keine dauerhafte Europaflagge beantragt hatten, wurde daraus auch noch eine Ablehnung der Europäischen Union konstruiert.
Das muss man sich einmal vor Augen führen:
Die Flagge der Bundesrepublik Deutschland vor einem deutschen Rathaus zu zeigen, wird zum Gegenstand eines politischen Verdachts.
Genau da hört für mich die Sache auf, lustig zu sein.
Schwarz-Rot-Gold gehört nicht der AfD. Es gehört auch nicht der CDU, der SPD, den Grünen oder der FDP. Es gehört uns allen.
Diese Farben stehen für die Bundesrepublik Deutschland, für unsere Demokratie und für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Die Flagge Nordrhein-Westfalens steht für das Land, dem Bergheim angehört. Und die Bergheimer Flagge steht für die Stadt, für die wir alle im Rat ehrenamtlich arbeiten.
Was daran „identitär“ sein soll, erschließt sich mir nicht.
Natürlich stiften Flaggen Identität. Genau das tun staatliche Symbole. Sie machen sichtbar, welchem Gemeinwesen wir angehören. Das ist in unzähligen Ländern Europas und der Welt eine Selbstverständlichkeit.
Und vielleicht sollten wir uns auch einmal fragen, was wir eigentlich von Menschen erwarten, die nach Deutschland kommen, hier leben, arbeiten und sich integrieren. Wie wollen wir Identifikation mit diesem Land erwarten, wenn wir selbst mit seinen Symbolen fremdeln?
Vor wenigen Tagen hat Jürgen Klopp sinngemäß gesagt, wir müssten uns die deutsche Fahne zurückholen und dürften Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen. Ich fand das bemerkenswert – gerade nach dieser Ratssitzung.
Denn genau da liegt für mich der Punkt:
Schwarz-Rot-Gold kann doch nicht davon abhängen, wer die Fahne in die Hand nimmt. Entweder sind es unsere Farben – oder sie sind es nicht.
Und ich finde es heuchlerisch, einerseits ständig von unserer Demokratie, unserer Verfassung, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Integration zu sprechen und andererseits ausgerechnet die Symbole dieses gemeinsamen demokratischen Gemeinwesens unter politischen Rechtfertigungsdruck zu stellen.
Ja, eine Flagge verschleißt im Wind. Auch dieses Argument wurde vorgetragen. Eine Flagge in Zülpich sehe angeblich inzwischen ziemlich mitgenommen aus.
Dann ersetzt man sie.
Eine verschlissene Flagge ist ein Argument für eine neue Flagge. Sie ist kein Argument dafür, keine zu hissen.
Besondere Beflaggungstage haben selbstverständlich ihre Berechtigung. An ihnen kann eine Flagge eine zusätzliche Erinnerungs- und Signalfunktion bekommen.
Aber ihre grundlegende Bedeutung hängt nicht vom Kalender ab.
Deutschland ist nicht nur am 3. Oktober unser Land. Nordrhein-Westfalen ist nicht nur an besonderen Beflaggungstagen unser Bundesland. Und Bergheim ist nicht nur an besonderen Tagen unsere Stadt.
Das gilt jeden einzelnen Tag.
Ich fand diese Debatte peinlich, ideologisch verklemmt und ehrlich gesagt auch beschämend.
Nicht, weil unser Antrag abgelehnt wurde. Das gehört zur Demokratie.
Sondern weil wir in einem deutschen Stadtrat ernsthaft darüber diskutiert haben, ob es problematisch sein könnte, vor einem deutschen Rathaus die Flagge Deutschlands zu zeigen.
Die Flagge Bergheims hängt im Ratssaal über uns, während wir für diese Stadt arbeiten.
Ich hätte sie gerne auch draußen gesehen. Zusammen mit der Flagge Nordrhein-Westfalens und Schwarz-Rot-Gold.
Sichtbar. Selbstverständlich. Ohne Rechtfertigung.
Der Rat wollte das nicht.
Das darf jeder Bürger für sich selbst bewerten.
Anke Münch, Stadträtin der Kreisstadt Bergheim
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